Abends auf dem Sofa fängt es an: Die Füße kribbeln, als wären sie eingeschlafen, nur dass sie es nicht tun. Später brennt die Fußsohle, und die Bettdecke fühlt sich unangenehm schwer an. Wenn es beide Füße betrifft und über Wochen anhält, steckt oft eine Polyneuropathie dahinter, eine Erkrankung mehrerer peripherer Nerven. Der Weg zur Ursache ist meistens machbar, aber er braucht ein paar gezielte Schritte.
Was bei einer Polyneuropathie passiert
Die peripheren Nerven verbinden Rückenmark und Gehirn mit Haut, Muskeln und Organen. Bei einer Polyneuropathie sind viele dieser Leitungen gleichzeitig gestört, und zwar meist an den längsten Nerven zuerst. Die führen zu den Füßen. Deshalb beginnen die Beschwerden fast immer dort, erst an den Zehen, dann am Fuß, später am Unterschenkel. Erreichen sie etwa das Knie, melden sich oft auch die Fingerspitzen.
Man spricht vom „Strumpf-Muster“: Das Gefühl ist an Fuß und Unterschenkel gestört, so als trüge man einen Strumpf. Dieses symmetrische Muster unterscheidet die Polyneuropathie von einem einzelnen eingeklemmten Nerv, bei dem nur ein Bein oder eine Hand betroffen ist.
Woran Sie die Beschwerden erkennen
Nicht jede Polyneuropathie fühlt sich gleich an. Je nachdem, welche Nervenfasern leiden, stehen andere Zeichen im Vordergrund:
- Dünne Fasern melden Schmerz und Temperatur. Typisch sind Brennen, Stechen und Überempfindlichkeit, etwa gegen Bettwäsche oder Socken.
- Dicke Fasern leiten Berührung, Vibration und Lagesinn. Hier fallen Taubheit, ein „Wattegefühl“ unter der Sohle und Unsicherheit beim Gehen auf, vor allem im Dunkeln.
- Motorische Fasern steuern die Muskeln. Wenn sie betroffen sind, bleibt die Fußspitze beim Gehen hängen, oder die Beine ermüden schneller.
- Vegetative Fasern regeln Schwitzen, Kreislauf und Verdauung. Mögliche Folgen sind Schwindel beim Aufstehen oder trockene Füße.
Oft mischt sich das Bild. Wer morgens die ersten Schritte wie auf Watte macht und abends Brennen spürt, hat vermutlich mehrere Fasertypen betroffen.
Die häufigsten Auslöser
Die Liste möglicher Ursachen ist lang, doch ein paar Auslöser stehen weit vorn. Ein erhöhter Blutzucker ist einer davon: Beim Diabetes mellitus schädigen dauerhaft hohe Werte die kleinen Gefäße und Nerven. Auch regelmäßiger, hoher Alkoholkonsum greift die Nerven an. Hinzu kommen:
- Mangel an Vitamin B12, etwa bei Magen-Darm-Erkrankungen, nach Magenoperationen oder bei streng veganer Ernährung ohne Ergänzung,
- Nierenerkrankungen und Schilddrüsenfunktionsstörungen,
- bestimmte Medikamente, darunter einige Krebsmedikamente, die Nerven schädigen können,
- Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Nerven angreift,
- erbliche Formen, die oft schon in jungen Jahren auffallen und in der Familie gehäuft vorkommen.
Bei einem Teil der Betroffenen bleibt die Ursache trotz sorgfältiger Suche unklar. Das ist kein Grund zur Sorge, aber ein Grund, den Verlauf im Auge zu behalten.
Wichtig: Wenn Sie ein Medikament im Verdacht haben, setzen Sie es nicht eigenmächtig ab. Besprechen Sie das mit der Ärztin oder dem Arzt, der es verordnet hat.
Wie die Abklärung abläuft
Am Anfang steht das Gespräch. Der Neurologe fragt, seit wann die Beschwerden bestehen, wo sie begannen, ob Diabetes oder Nierenprobleme bekannt sind, wie viel Alkohol getrunken wird und welche Medikamente Sie nehmen. Danach folgt die körperliche Untersuchung: Reflexe an den Füßen, Berührungs- und Vibrationsempfinden mit einer Stimmgabel, Kraft, Gang.
Dazu kommt eine Blutuntersuchung. Sie sucht gezielt nach den behandelbaren Auslösern, etwa Blutzucker beziehungsweise Langzeitzucker, Vitamin B12, Nieren- und Schilddrüsenwerten sowie Entzündungszeichen. Welche Werte im Einzelfall nötig sind, legt die Praxis fest. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfiehlt ein gestuftes Vorgehen: erst die Basisdiagnostik, dann gezielt weitere Tests, je nach Befund.
Zur Messung der Nervenfunktion dient die Elektroneurographie. Sie zeigt, ob die dicken Fasern geschädigt sind und ob eher die Nervenhülle oder die Faser selbst betroffen ist. Wie der Termin abläuft, steht im Beitrag Nervenleitgeschwindigkeit messen (ENG): Ablauf und Aussagekraft. Dünne Fasern erfasst die Standardmessung nicht. Ist sie normal, bei Ihnen aber weiter Brennen vorhanden, kann der Neurologe weitere Verfahren erwägen, zum Beispiel eine kleine Hautprobe.
Was Sie selbst tun können
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Ist der Blutzucker schuld, ist eine gute Einstellung der wichtigste Schutz. Bei einem nachgewiesenen B12-Mangel gleicht der Arzt ihn aus. Bei Alkohol hilft Verzicht oder eine Reduktion, bei Medikamenten eine ärztliche Überprüfung.
Schmerzen am Fuß lassen sich oft zusätzlich lindern. Welche Medikamente infrage kommen, legt der Arzt fest, da nicht jedes Schmerzmittel bei Nervenschmerzen wirkt. Im Alltag zählen aber auch Kleinigkeiten:
- Füße täglich ansehen, auch die Sohlen und die Zehenzwischenräume. Wer wenig spürt, bemerkt kleine Verletzungen oft zu spät.
- Bequeme, gut sitzende Schuhe ohne Nähte, die drücken. Barfußlaufen draußen besser vermeiden.
- Regelmäßige Bewegung, soweit es der Gang zulässt. Gleichgewichtsübungen helfen gegen die Unsicherheit.
- Wärmflaschen und heißes Fußbad meiden, wenn das Temperaturempfinden gestört ist, damit keine Verbrühung unbemerkt bleibt.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
Die meisten Polyneuropathien entwickeln sich langsam. Manche Zeichen dulden jedoch keinen Aufschub:
- Lähmung oder Schwäche, die sich innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ausbreitet, dazu Atemnot oder Schluckstörungen: Notruf 112,
- Taubheit im Genitalbereich mit Problemen bei Blase oder Darm, besonders zusammen mit Rückenschmerzen,
- eine offene, schlecht heilende Stelle am Fuß, vor allem bei Diabetes,
- ein rasch zunehmender Verlauf über Wochen mit deutlicher Gangunsicherheit.
Bei langsamen, aber anhaltenden Beschwerden vereinbaren Sie einen Termin beim Hausarzt oder Neurologen. Schieben Sie ihn nicht auf, denn bei manchen Ursachen kann man früh viel erreichen. Ein Überblick, bei welchen Symptomen eine Abklärung nötig wird, steht auf der Seite Wann zum Neurologen? Symptome, die eine Abklärung brauchen.
Häufige Fragen
Ist eine Polyneuropathie heilbar?
Das hängt von der Ursache ab. Wird ein Auslöser wie Vitamin-B12-Mangel oder Alkohol früh beseitigt, können sich die Nerven teilweise erholen. Das geschieht langsam, oft über Monate. Bei Diabetes oder erblichen Formen geht es meist darum, das Fortschreiten zu bremsen und Beschwerden zu lindern.
Warum kribbeln nur die Füße und nicht die Hände?
Die Nerven zu den Füßen sind am längsten und damit am anfälligsten. Sie leiden zuerst, wenn der Stoffwechsel der Nervenzellen belastet ist. Die Hände folgen häufig erst später.
Kann Stress allein das Kribbeln auslösen?
Bei Anspannung und schneller Atmung kann es zu vorübergehendem Kribbeln kommen, meist an Händen und um den Mund. Ein dauerhaftes, symmetrisches Kribbeln an beiden Füßen ist damit nicht gut erklärt und sollte abgeklärt werden.
Zu welchem Arzt gehe ich zuerst?
Der Hausarzt ist eine gute erste Anlaufstelle, denn er kann Blutzucker, B12 und andere Laborwerte prüfen. Für die Einordnung der Nervenschäden überweist er bei Bedarf zum Neurologen.
Lesen Sie auch
- Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen
- Nervenleitgeschwindigkeit messen (ENG): Ablauf und Aussagekraft
- Polyneuropathie Diagnose: Grundlagen, Symptome und moderne Diagnosemethoden
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnostik bei Polyneuropathien», AWMF-Register Nr. 030-067.
- Callaghan B. C. et al.: Diabetic neuropathy: clinical manifestations and current treatments. Lancet Neurol. 2012;11(6):521–534.
- Hanewinckel R. et al.: The epidemiology and risk factors of chronic polyneuropathy. Eur J Epidemiol. 2016;31(1):5–20.
